Die aktuelle Lage Anfang August
Gesamtbild: Keine Einnahme, aber belagerungsähnliche Zustände

El Obeid, die Hauptstadt des Bundesstaates North Kordofan im Sudan, ist Anfang August 2026 nicht von den Rapid Support Forces (RSF) eingenommen worden und wird auch nicht unmittelbar von Bodentruppen angegriffen. Die Stadt steht unter Kontrolle der Sudanese Armed Forces (SAF). Dennoch befindet sich die Bevölkerung in einer äußerst prekären Lage, die man als belagerungsähnlich beschreiben kann. Die größten Gefahren für die Zivilisten gehen derzeit weniger von einem drohenden Häuserkampf aus als vielmehr von der Kombination aus Drohnenangriffen, Versorgungsengpässen, Wasserknappheit und einer enormen Zahl von Vertriebenen.
Ein scheinbarer Widerspruch in der Berichterstattung lässt sich auflösen: Militärisch ist die Stadt nicht vollständig eingeschlossen, und es steht kein unmittelbarer Sturm bevor. Zugleich herrschen für die Zivilbevölkerung faktisch belagerungsähnliche Bedingungen, weil Verkehrswege unsicher sind, Drohnenangriffe andauern und die Grundversorgung erodiert. Beides kann gleichzeitig zutreffen.
Militärische Entwicklung: Geländegewinne der SAF
Ende Juli 2026 hat die SAF zusammen mit verbündeten Kräften mehrere Orte nördlich und nordöstlich von El Obeid zurückerobert, darunter Bara, Jabra al-Sheikh und Umm Sayala. Ziel war es, die wichtige Exportstraße Richtung Omdurman zu sichern und die Versorgung der Stadt zu verbessern. Gegenüber der Situation im Juni, als eine starke RSF-Konzentration rund um El Obeid befürchtet wurde, stellt dies eine deutliche Veränderung dar. Die unmittelbare Gefahr einer RSF-Bodenoffensive scheint geringer geworden zu sein.
Allerdings ist die Darstellung der SAF, die Straße sei wieder vollständig geöffnet, von lokalen Quellen widersprochen worden. An wichtigen Abschnitten dauerten Kämpfe an. Die RSF bleibt in der weiteren Umgebung aktiv. Anfang August wurde von einem Angriff auf ein Dorf nahe der Stadt berichtet, bei dem fünf Zivilisten getötet wurden. North Kordofan ist weiterhin ein aktiver Kriegsschauplatz.
Drohnenkrieg als zentrale Bedrohung

Das größte unmittelbare militärische Problem für El Obeid sind Drohnenangriffe der RSF. Bereits im Juni hatte die RSF mehrere Tage hintereinander Drohnenangriffe auf die Stadt geflogen, wobei insbesondere Treibstoffinfrastruktur und Versorgungsanlagen getroffen wurden. Auch Anfang August wurden erneute Angriffe gemeldet. Die RSF muss die Stadt nicht mit Bodentruppen stürmen, um die Lebensbedingungen massiv zu verschlechtern. Drohnen können Wasseranlagen, Treibstofflager, Fahrzeuge und Märkte treffen und gleichzeitig die Bevölkerung einschüchtern.
Wasserkrise und humanitäre Lage
Die Wasserversorgung in El Obeid ist ausgesprochen ernst. Die zuständige humanitäre Kommission von North Kordofan diskutierte bereits Ende Juni eine akute Wasserkrise und plante als Sofortmaßnahme den Einsatz von 150 Tankwagen. Bemerkenswert ist, dass diese Informationen von einer Quelle stammen, die stark an der Provinzverwaltung orientiert ist – die Probleme sind also nicht bloß eine Darstellung oppositioneller Medien. Ein Bericht von Anfang August beschreibt die Situation als Teil einer allgemeinen Erosion der städtischen Lebensgrundlagen. Lebensmittel und Treibstoff sind ebenfalls knapp.
Vertriebene verschärfen jedes Versorgungsproblem
El Obeid hat neben der ursprünglichen Bevölkerung eine große Zahl von Menschen aufgenommen, die aus den umliegenden Gebieten von North und West Kordofan geflohen sind. Nach lokalen Angaben lebten im Juni etwa eine halbe Million Menschen in der Stadt. Obwohl die SAF Gebiete wie Bara inzwischen zurückerobert hat, zeigen die dorthin Geflohenen wenig Bereitschaft zur Rückkehr, da sie die Sicherheitslage weiterhin als unsicher betrachten. Die militärischen Erfolge der SAF haben also nicht automatisch zu einer Entlastung der Stadtbevölkerung geführt.
Die Drohnen der RSF: Die FH-95 als konkreter Nachweis

Für El Obeid gibt es einen konkreten Nachweis für mindestens einen Drohnentyp der RSF: die chinesische FH-95, auch CH-95 genannt. Am 13. Juli 2026 meldete die sudanesische Armee den Abschuss einer solchen Drohne nordwestlich von El Obeid. Es handelte sich bereits um den dritten Abschuss dieses Typs innerhalb weniger Wochen. Die FH-95 ist eine große MALE-Drohne (Medium Altitude, Long Endurance), die für Aufklärung, elektronische Kampfführung und Präzisionsangriffe ausgelegt ist. Ihre Präsenz im Raum El Obeid passt zu den wiederholten Angriffen auf die Stadt und ihre Infrastruktur.
Die RSF verfügt zudem über chinesische Wing Loong II, wobei ein konkreter Einsatz dieses Typs über El Obeid nicht eindeutig belegt ist. Daneben setzt die RSF eine größere Zahl kleinerer Systeme ein: modifizierte kommerzielle Quadrokopter, FPV-Drohnen und Kamikazedrohnen. Bei diesen ist eine Modellbestimmung für El Obeid kaum möglich.
Die Lieferkette: China, VAE, Tschad, Darfur

Die FH-95 wird von der Aerospace Times Feihong Technology Corporation hergestellt, einer Tochter des staatlichen chinesischen Raumfahrtkonzerns CASC. Die Drohne gelangte sehr wahrscheinlich nicht durch einen direkten Kauf der RSF in China nach Sudan, sondern über ein von den Vereinigten Arabischen Emiraten getragenes Versorgungssystem. Satellitenaufnahmen des Yale Humanitarian Research Lab identifizierten Ende 2024 und Anfang 2025 drei FH-95 auf dem von der RSF kontrollierten Flughafen Nyala in Süd-Darfur.

Eine Untersuchung von Amnesty International kam zu dem Ergebnis, dass verschiedene chinesische Waffensysteme der RSF aus den VAE stammen bzw. über die VAE weitergeleitet wurden. Amnesty identifizierte dabei auch Munition, die ausdrücklich für Wing Loong II und FH-95 geeignet ist. Die wahrscheinlichste Lieferkette verläuft von China über die VAE und den Flughafen Amdjarass im östlichen Tschad per Landtransport nach Darfur und weiter nach Nyala. Reuters dokumentierte eine große Zahl von Frachtflügen aus den VAE nach Amdjarass, die mit der Versorgung der RSF in Verbindung gebracht wurden. Die VAE bestreiten, Waffen an die RSF zu liefern.
Bei einer großen MALE-Drohne wie der FH-95 ist ein zufälliger Erwerb über einen Waffenhändler ausgesprochen unwahrscheinlich. Die vorhandene Evidenz spricht für ein internationales Beschaffungs- und Weiterleitungsnetzwerk. Wer den konkreten Kaufvertrag mit dem chinesischen Hersteller abgeschlossen hat und ob China von der Weitergabe wusste, ist öffentlich nicht zweifelsfrei geklärt.
Reichweite und Operationsbasis
Nyala und El Obeid liegen Luftlinie ungefähr 500 Kilometer auseinander. Eine FH-95 mit einer angegebenen Reichweite von etwa 250 Kilometern könnte El Obeid von Nyala aus nicht erreichen und zurückkehren. Dass eine FH-95 im Raum El Obeid abgeschossen wurde, ist belegt; daraus folgt aber nicht, dass sie von Nyala aus gestartet ist. Die konkrete Operationsbasis dieser Maschine ist öffentlich nicht geklärt. Möglich sind Vorverlegungen oder Zwischenbasen.
Fazit
Die Lage in El Obeid ist gegenüber Juni militärisch etwas günstiger für die SAF, humanitär jedoch keineswegs entsprechend besser geworden. Die Stadt ist nicht befreit und nicht aus der Gefahrenzone. Für die Bewohner bedeutet die gegenwärtige Situation: Leben in einer von der SAF kontrollierten Großstadt, die nicht unmittelbar von einer Bodenoffensive überrollt wird, aber weiterhin unter Drohnenangriffen, Wasserknappheit und unsicheren Verkehrswegen leidet. Am schlimmsten dürfte die Lage der tausenden Vertriebenen in der Stadt sein.